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Bedingungsloses Grundeinkommen
Sascha Liebermann im Gesprach

Es ist der 19. Februar, Dienstagmorgen in der Mensa. „Was ist eigentlich Arbeit?", möchte Dr. Sascha Liebermann von den versammelten Schüler*innen der Oberstufe wissen. Schnell kommt er mit ihnen ins Gespräch.

„Arbeit ist, acht Stunden in ein Büro zu gehen. Arbeit ist, in einer Kita für Kinder da zu sein. Sie zu waschen, anzuziehen, Essen zu kochen, mit ihnen zu spielen. Keine Arbeit aber ist es, wenn man dasselbe für die eigenen Kinder daheim macht. Obwohl es dieselbe Tätigkeit ist. Wo ist der Unterschied?"
„Ich glaube, es ist keine Arbeit, wenn man etwas sowieso machen muss.", überlegt eine Schülerin. „Wenn es nicht freiwillig ist." Liebermann bringt es auf den Punkt: „Der Unterschied ist das Geld! Als Arbeit gilt alles, was bezahlt wird. Lehrer sein ist Arbeit. Bei der Freiwilligen Feuerwehr sein ist keine Arbeit. Es ist ehrenamtlich." Er verdeutlich, worauf er hinaus will: Die Gesellschaft honoriert manche Tätigkeiten mehr als andere, indem sie ihr einen Wert in Form von Geld verleiht. Dabei sei die Gesellschaft auf die vielen unbezahlten Tätigkeiten angewiesen. Diese aber könnten erst dann verrichtet werden, wenn vorher „echte Arbeit" geleistet worden sei, die das lebensnotwendige Geld eingebracht habe: Durch den Zwang, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, aber bleibt manches, was eigentlich fundamental wichtig ist, auf der Strecke: Zum Beispiel ausreichend für die eigenen Kinder da zu sein.
Liebermann wirbt daher für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger. Als Idee gibt es dieses zwar schon eine Weile, galt aber praktisch immer als utopisch. Seit einigen Jahren kommt die Utopie allerdings verstärkt in die politische Diskussionen. In Finnland wird das Grundeinkommen derzeit sogar getestet. In Deutschland warb zuletzt der Philosph Richard David Precht in seinem Bestseller „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft" für das bedingungslose Grundeinkommen. Liebermann aber relativiert Prechts Ansatz, dass in naher Zukunft weite Bereiche der Arbeitswelt von Maschinen und künstlicher Intelligenz übernommen und somit die Menschen ganz automatisch vom Arbeitszwang erlöst werden könnten. Stattdessen versucht er den Schüler*innen vorzurechnen, wie der Erlös aller menschlicher Arbeit in einem Staat, das Bruttoinlansprodukt (BIP), so aufgeteilt werden könnte, dass ein Grundeinkommen für jeden vielleicht möglich wäre. Er malt einen Kuchenkreis aufs Whiteboard, unterteilt ihn in Stücke, kritztelt BIP daneben. Ab hier, so geben einige Schüler später an, hätten sie Schwierigkeiten bekommen, den Ausführungen zu folgen. Dennoch bricht die Diskussion nicht ab. Genaues Mitdenken ist jetzt gefragt. Die Gesprächsteilnehmer steigen ein in zentrale Fragen der Wirtschaftspolitik. „Wenn nun ganz viele Leute nicht mehr arbeiten und lieber vom bedingungslosen Grundeinkommen leben ...", setzt eine Schülerin an. „Dann wird der Kuchen kleiner!", ergänzt Liebermann. Ein Angelpunkt der Diskussion kristallisiert sich: Es müssen genügend Leute da sein, die etwas in den Kuchen einbringen, damit genug davon verteilt werden kann. Das große Interesse vieler an diesem Thema wird deutlich, aber auch Skepsis. Wenn man für Nichtstun Geld bekommt, hängen dann nicht ganz viele vor ihren Bildschirmen ab, verlieren sich in virtuellen Welten? Im Silicon Valley, Motor der Digitalisierung und Unterhaltungsmedien, treten führende Kreise stark fürs Grundeinkommen ein, insbesondere das einflussreiche Gründerzentrum Y Combinator. Sieht so die Zukunft aus? Smarte Systeme und Roboter übernehmen die Arbeit von Millionen, die wiederum, bedingungslos ausgestattet mit staatlichem Geld, rund um die Uhr die Produkte der Digitalindustrie konsumieren? Ohne Existenzsorgen oder Langeweile. „Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit!", mahnte einst Goethe. Gustav Freytag wiederum wusste: „Was der Mensch treibt, ist ihm mehr als vergängliche Arbeit des Tages, und alles, was er getan, wirkt als ein Lebendiges in ihm fort." Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen konfrontiert insbesondere die jungen Menschen mit der Frage, was ihnen und der Gesellschaft in Zukunft wichtig sein soll.

Text: Benjamin Weiß, Fotos: Kalsow
Am Abend zuvor diskutierte Herr Prof. Dr. Liebermann im Rahmen seines sehr gut besuchten Vortrags in der Mensa mit Gästen über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens. Ein Thema, welches offensichtlich auch über den Kreis der Schulgemeinschaft hinaus von großem Interesse ist, aber auch einige schulbekannte Gesichter nahmen diese Gelegenheit wahr. PB

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